Autogenes Training - die Organübungen

 

Wir stehen mit der Welt in einem steten Austausch. Im Laufe der Jahre haben wir eine bestimmte Art entwickelt, diesen Austausch zu regulieren, und zu bestimmen, auf welcher Ebene wir uns berühren, bewegen lassen, wie weit wir etwas an uns heran- und in uns hineinlassen oder es aussperren, und was wir von uns nach draußen lassen.

Der wichtigste Weg, den die meisten Menschen noch offen lassen, ist der über den Kopf: die Analyse, das rationale, die Bewertung, die Logik, das allgemein gültige. Auf diesem Wege die Welt aufzunehmen gibt uns vordergründig die größte Kontrolle, die größte Stabilität gegenüber Manipulation, Beeinflussung und Verletzung oder Kränkung. Auf der anderen Seite verzichten wir darin auf einen mehr oder weniger großen Teil unserer Emotionalität.

 

So mag der Austausch auf der Ebene der Geschlechtlichkeit von uns gebremst oder blockiert sein: die Ebene von Lust, Sexualität, auch Essen, von direkter Vitalität. Im asiatischen Chakra-System der inneren Persönlichkeitszentren ist dies dem Beckenbereich zugeordnet.

 

Eine Ebene höher finden wir im Bauch starke und vielfältige Emotionen wie Wut und Angst ("Schiß kriegen"), auch die Genussfähigkeit hat hier ihr Zentrum. Hier sind wir den eigenen Lebensbedürfnissen besonders nahe ("dem Bauchgefühl folgen") und haben ein klares Gefühl, was wir wollen und was nicht, was uns guttut und was nicht, was unser Weg ist und was nicht. Möglicherweise hängt dies zusammen mit dem komplexen Nervengeflecht, das den Darm umgibt und u.a. über das Hormonsystem mit dem gesamten Organismus in Verbindung steht. Es scheint, dass sich dieses auch "Bauchgehirn" genannte Gewebe, das ähnlich komplex ist wie die unteren Gehirnschichten, einen eigenen Reim auf die Ereignisse und Umstände macht, ohne von Intellekt und Gedanken abgelenkt oder in die Irre geführt zu werden. So kommt es zu einer uns intuitiv erscheinenden, und der Erfahrung folgend meistens zutreffenden Bewertung: "ja, will ich" oder "nein, will ich nicht".  

 

Darüber liegt das Reich des Herzens. Dem Herzen und seinen Belastungen kann man zwei Themenbereiche zuordnen: zum einen die Verbindung, zum Leben, zur Umwelt, zur Natur und zu den Menschen ("das Organ der Beziehung"), darin Einfühlung, Mitgefühl, Sympathie, Liebe, andere gleichwertig zu sich selbst erleben. Und auf der anderen Seite die Leistung: die Kraftpumpe, die den Organismus mit Sauerstoff versorgt, die, ausdauernd und stark, all unsere Unternehmen unterstützt. Auch die Beziehung zum Mut, die in alten Sagen häufig benannt wurde, verweist auf die innere Kraft des Herzens, die auf das positive gerichtet ist. In der Schwäche des Mutes und der tragenden Beziehungen, der gelebten Herzkraft, kann hier auch Angst entstehen.

Das Autogene Training hat zwei sogenannte Organübungen, die Sonnengeflechts- bzw. Bauchübung, und die Herzübung. Beiden Übungen ist gemeinsam die Qualität "im inneren Empfinden" zu liegen. Das innere Empfinden, das Tiefenbewusstsein ist bei vielen Menschen abgeschwächt oder verlorengegangen, sowohl körperlich gesehen, als auch psychisch. Die Wiederanknüpfung an die inneren Gefühle, wieder nach innen empfindsam zu werden, braucht dabei Reifungszeit, manchmal Jahre. Die Organbereiche sind unserer direkten Kontrolle nicht unterworfen. Sie werden gesteuert vom Autonomen Nervensystem, das wir nur indirekt beeinflussen können. Daher sind gefühlte oder erinnerte Stimmungen und Bilder für die Lenkung der Organe wirksamer als die direkte Absicht oder Willenskraft.  

 

Bauch / Sonnengeflecht:

Das Sonnengeflecht ist ein Nervenzentrum im Oberbauch, zwischen Magen und Wirbelsäule gelegen. Von ihm gehen die Nervenfasern ungefähr wie Sonnenstrahlen nach außen, daher der Name. Es hat einige hundert Regelfunktionen für den gesamten Bauchbereich. Manche Menschen haben Zugang zu diesem inneren Zentrum (im asiatischen das 3. Chakra) und erfahren von diesem Zentrum aus eine allgemeine tiefe Durchwärmung und Entspannung:

 

"Das Sonnengeflecht ist strömend warm"

 

Da jedoch viele KursteilnehmerInnen diesen Bereich nicht finden, wird häufig die direkte Bauchentspannung gesucht, in der die Bauchdecke ihre Spannung löst und eine innere Entspannung sich ausbreitet, die häufig beschrieben wird als Gefühl von Weichheit, von innerem Fließen und innerer Weite, eine Art Luftigkeit, als wenn sich der in der Spannung gepresste Bauch zu seiner natürlichen inneren Fülle ausweiten darf:

 

"Der ganze Bauch ist weich und entspannt"

 

Im Bauch versammelt zu sein gibt oft ein besonderes Gefühl des tief in sich seins, des in sich geschlossen seins, der tiefen Ruhe (dickbäuchige Buddhas!), das äußere scheint weit weg oder ganz verschwunden. Der zufriedene Bauch ist gleichzusetzen mit dem zufriedenen Menschen.

 

Herz:

Das Herz hat bei den meisten Menschen einen besonderen Schutz aufgebaut, ausgehend von zwischenmenschlichen Verletzungen, die wir alle zur Genüge erfahren haben. Enttäuschung, Trennung, Betrug, verlassen werden, Abwendung, Kälte haben neben guten Erfahrungen von Vertrauen, Zuneigung und Liebe ihre Spuren hinterlassen und dafür gesorgt, dass wir unser Herz mehr oder weniger verschließen und nur in besonderen Momenten öffnen. Oft ist es auch uns selbst gegenüber verschlossen (das Herz hat eine gewisse Autonomie in sich!), wenn wir dem Herzen in unserem Leben wenig Raum geben. Viele Menschen haben auch schon die Folge immerwährender Leistungsanforderung und mangelnder Erholungsphasen im Leben am Herzen verspürt: Rhythmusstörungen, aber auch die Folgen der Arteriosklerose am Herzen bis hin zum Herzinfarkt. Besonders belastend ist die Kombination jahrelangen Bemühens und Kämpfens bei andauernden Frustrationen und Misserfolgserlebnissen, was viele Menschen im Beruf erleben und ein Risikofaktor für Herzinfarkte darstellt. Daher ist die Herzübung manchmal die schwierigste: sich dem eigenen Herz (im asiatischen das 4. Chakra) einfühlsam und freundlich zuzuwenden, und zunächst vielleicht zu erleben, dass negative Erfahrungen angesprochen werden und ein unangenehmes Gefühl entsteht, oder dass das Herz zunächst nicht direkt gefühlt werden kann, sondern nur als Puls irgendwo im Körper. Den Weg zu gehen, Angst oder Gefühlsabwehr abzubauen und mit dem Herzen in Frieden und Einklang leben zu können, ist aber auch besonders wichtig für unsere Gesundheit wie auch unser Wohlbefinden: "Das Herz ist das Herz aller Dinge." Daher ist die langsame, beharrliche und freundliche Annäherung an den Herzbereich zu empfehlen, mit viel Geduld, dem Herzen Raum gebend, ohne Drängen oder Erwartungen.

 

"Das Herz schlägt ruhig und regelmäßig"

 

 

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